Viele spirituelle Sucher werden durch körperliche oder seelische Krankheit auf die spirituelle Suche geschickt. Auch ich gehörte zu ihnen - es dauerte lange, bis ich erkannte, dass es bei der Heilung darum geht, alle Erwartungen an eine körperliche Heilung loszulassen, um die Kraft, mit der man sich an die Materie klammert, allein in den Dienst der Seele zu stellen bzw. zu entspannen und alles Gott zu überlassen. Auf diese Weise lösten sich meine In-mich-selbst-Verkrampfungen und körperliche Verspannungen, die sich, wie in meinem Fall, zu einem chronischen Schmerzsyndrom resp. Fibromyalgie-Syndrom ausgewachsen hatten.
Loslassen inkludierte in diesem Kontext für mich vor allem, mir meines Selbstbildes bewusst zu werden bzw. des ständigen Vergleichs zwischen "Sollte-Sein und Bin", zwischen Ideal-Ich-Vorstellung und Ist-Zustand.
Sich an diese Ideal-Ich-Vorstellung zu klammern war wohl das größte Hindernis. Erst als ich mir dieser Vorstellung bewusst wurde ud meine verkrampfte Erwartungshaltung diesbezüglich erkannte und loslassen konnte, begann die seelische Heilung, in deren Verlauf sich (wider Erwarten!) zugleich auch die körperliche Heilung einstellte, derweil sich mit den seelischen zugleich auch die körperlichen Blockaden lösten. Alles, was ich in körperlicher Hinsicht dazu tat, waren regelmäßige Muskelentspannungsübungen nach Jacobsen und Atemübungen.
Im Kontext ganzheitlicher Heilung wären insbesondere noch zu erwähnen die jahrelangen regelmäßigen Besuche bei den Anonymen Alkoholikern, an deren "Tisch" ich lernte, zusammen mit der Suchtproblematik meine geistigen Blockierungen wie Denk-,, Fühl- und Sprachtabus loszulassen, schmerzhafte Gefühle zu befreien und meine ebensolche Vergangenheit zu bewältigen.
Um das Endziel GEISTIGER Nüchternheit zu erlangen, musste ich mich zwar von der Gruppe emanzipieren/individuieren, letztlich hat die Gruppe, - sowie mein Verlassen der Gruppe! - dazu beigetragen, dass ich heute Alkohol trinken kann, ohne die GEISTige Nüchternheit zu verlieren. Ein überaus interessantes Thema, allerdings nicht für (trockene) Alkoholiker geeignet, die noch nicht so nüchtern sind, dass sie bereit wären, von ihrem Glauben abzufallen und noch ein Selbstbild zu schützen haben.
Wenn die Wahrheit nicht paradox ist, ist es nicht die Wahrheit!
Damit wäre endlich auch meine Frage beantwortet, warum Alan Watts saufen und er - wenn ihm auch die Zunge nicht mehr so recht gehorchte - dabei doch GEISTig klar bleiben konnte. (Wie immer beantworten sich meine Fragen aus mir selbst heraus, quasi empirisch.... LOL).
Bevor ich meine Erwartungshaltung aufgab, hatte ich übrigens erfolglos versucht, meinen körperlich miesen Ist-Zustand mit allerlei magischer Kosmetik wie Positivem Denken, Affirmationen und Visualisierungsübungen zu verändern. Heute weiss ich, warum es nicht funktionierte: a) hatte ich damals noch keine Ahnung von Achtsamkeit und Selbstannahme und b) wollte ich nur ein einzelnes Zimmer tapezieren, statt das ganze marode Haus abzureissen. Ich wünschte mir körperliche Gesundheit grad so, wie der spirituelle Schmerzvermeider, der das geistige Heil - sprich dauerhaftes Gewahrsein - will, ohne in die notwendige seelische Heilung/Individuation einzuwilligen.
Zwischen "Sollte sein und Bin" : Nicht zu begehren, was man nicht ist, erfordert den Mut, sein idealisiertes Selbstbild zu hinterfragen und die Demut, sich ohne narzisstische Größenphantasien in seinen bislang verdrängten Gefühlen von Ohnmacht, Schwäche und Kleinheit anzunehmen. Wer zu stolz dazu ist, wird weder seelische Heilung noch geistiges HEIL erfahren.
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