Mittwoch, 8. Juli 2020

Späte Hymne an den Gott der Anonymen Alkoholiker


Wie ich schon oft erwähnt habe,  hatte ich das große Glück, mich auf meinem Weg zu Gott-SELBST nie mit der Person des Jesus zu identifizieren, sondern "nur" mit dem Geist des Christus. In der Rückschau erinnerte ich mich gerade,  dass ich  in dem Moment zur Mystikerin wurde, als dieser Geist zum ersten Male "über mich" kam. Das  war, als  ich  einmal zufällig die Bibel aufschlug  und dort einige Worte Jesu im Johannesevangelium  fand, , die bei mir zum ersten Mal auf ein vollkommen offenes Herz und offenen Geist trafen. (Heute  würde ich es so ausdrücken: Ich erINNERTE mich meiner SELBST.)

Dieses unvergessliche Ereignis  geschah in den frühen 1990igern, in einer Nacht, als  ich von einem Treffen der Anonymen Alkoholiker  kam, in dem ich wieder einmal sehr offen und ausgiebig über das gesprochen hatte, was mich täglich so bewegte. In dieser Nacht fühlte ich mich nach dem Meeting eigenartig entleert und wie in Trance. Als ich  zuhause war, sah ich die Bibel meines Untermieters auf dem Küchentisch.  Ich schlug sie auf und las und las und dann erSCHAUTE und  ERKANNTE ich in den Worten des Menschen Jesu zum ersten mal den GEIST des CHRISTUS - seine WAHRHEIT, WEG und  LEBEN.  Die Worte, die ich las, kamen nämlich nicht mehr von aussen an mich heran, sondern wurden von innen unvermittelt in meinem Herzen vernommen, d.h. ich wurde eins mit den Worten Jesu bzw. mit dem, was sie ausdrückten, mit dem Geist der  Wahrheit, des Wegs und des Lebens.    Heute erst,  jetzt gerade vorhin erkannte  ich, dass dies  meine erste "Einheitserfahrung" war , ein Erwachen im Sinne einer mythischen Erweckung,  meine Taufe. Geisttaufe!  Und wieder offenbarte sich mir die mystische Wahrheit der Bibel.  Ich erfuhr das, was  bibelmythisch  in der Geschichte von "Mariä Empfängnis" beschrieben wird -  genau das geschieht in der Seele jedes Menschen, der  sich aufmacht und auszieht  wie Abraham oder wie das Volk Israel.  Und Abraham zog aus...


Nach dieser Erfahrung kaufte ich mir  eine Mini-Bibel und trug sie von da an  immer bei mir, nachts legte ich sie mir auf die Brust. Hierin ging es mir ähnlich, wie  dem von  mir später  heiss geliebten Blaise Pascal, der seine Erweckungserfahrung  aufschrieb und den Zettel in seinen Mantelsaum einnähte. Ähnliches fand ich später auch in den  Bekenntnissen des Augustinus, nämlich dass ihm eine donnernde  Stimme  "Lies!" befahl, nur dass ich diesen Drang zu lesen, in meiner Erfahrung von innen her spürte. Ich habe auch niemals in meinem Leben akustisch irgendwelche "inneren" Stimmen vernommen. Wäre das passiert, ich wäre sofort zum Doc gelaufen: Please, Doctor, please.... LOL

Nach meiner Taufe ging ich  oft in eine Kirche der Stille wegen, später besuchte ich auch wieder Messen, der Liturgie wegen, für die ich plötzlich ein tiefes Verständnis entwickelte. Wenn die Wandlung kam, fing ich sehr oft  an zu weinen. Auch bei bestimmten Liedertexten flossen die Tränen.  Des  abends ging  ich zu Bibelstunden der div. Kirchengemeinschaften und liess mich inspirieren, Ich deutete die Worte Jesu und die Evangelien nunmehr in dem von mir erkannten SUBJEKTiven Sinne. Laut.   Niemand ging auf meine Deutungen ein, niemand hats verstanden.  Ich hab selbst nicht verstanden, was da in mir vorging. ich hätte das nicht in die heutigen Worte übersetzen können.   Heute weiss ich: Damit habe  ich  dieser Gemeinschaft von Gläubigen ihr offizielles objektbezogenes  Konzept durcheinandergebracht.  (Wer die Deutungshoheit hat, hat die Macht.)


Ich war zu dem Zeitpunkt  meiner Taufe keine "gemeine" gläubige Christin mit Kirchenanbindung und wurde auch nie eine, obwohl bei mir zuweilen eine Sehnsucht nach einer reuigen Rückkehr in die  "Gemeinschaft der Heiligen " auftauchte  und ich über einen neuerlichen Kircheneintritt nachdachte. Der Gott  der Anonymen  Alkoholiker, der "Tisch", an dem jeder glauben durfte, was er wollte und der selbst  ein magischer Gegenstand des Glaubens ist  war mir dann doch genug Gemeinschaft, er gab  mir den notwendigen  Raum zur Entfaltung meiner Persönlichkeit, insbesondere von Offenheit und Ehrlichkeit. Der Erste Schritt. Mit dieser  Offenheit und Ehrlichkeit zu sich selbst und anderen  f a n d  ich  dann auch zu mir selbst und anderen.

In AA habe ich gelernt, mich angstfrei zu äussern und infolge überhaupt kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, nach und  nach hörte ich auf, aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. 

Mit dem Programm der Anonymen Alkoholiker habe ich genauso hart gekämpft wie mit den Texten Oshos (früher Bhagwan). Auch der  "Tisch" war mein Guru.
Es gab bzw. gibt nichts, was mir nicht zum Guru wurde und auch heute noch wird.

Ich habe mich voll eingelassen, Ich habe das AA-Programm so lange gekaut und wieder ausgespuckt, bis nur noch die Essenz übrigblieb.  Ich habe  mich an ihm abgearbeitet, als es mir zum "patriarchalischen" schwarzpädagogischen Unterdrückungsinstrument geriet. Ich habe die Ursachen für die zeitweilige  Dysfunktionalität der Gruppen, die Moralinübersäuerung und die inneren Machtstrukturen  aufgedröselt, die sich im  Mißbrauch des Vertrauens und im Mißbrauch  resp.  Fehldeutung  der 12 Schritte äusserten. Man sollte die  moralische Erhöhung des trockenen  Alkis über seine Mit- Alkis und vor allem über die sog. Normalos nicht unterschätzen. von der vielbeworbenen Demut war insbeosndere bei den Betonköpfen nichts zu spüren. Was da oftmals im Mantel der Ehrlichkeit daher kam, hat in Wirklichkeit so manches Geheimnis verborgen,  diese subtile Atmosphäre lag oft wie ein dunkler Schatten über der Gruppe.  Dieser Schatten war besonders dann fühlbar für mich, wenn sog. Betonkopfe in der x.ten Wiederholung von ihren  vergangenen Alkohol-Exzessen und ihren "Bekehrungen" erzählten, wobei sie nicht vergassen,  x-mal das Wort Alkohol hineinzuflechten und keiner vergessen durfte, am Ende ein Loblied auf die AA zu singen. Das Hier und Jetzt ohne Alkohol kam so gut wie nicht in ihren Erzählungen vor, ganz selten auch Berichte über seelische Entwicklungsschmerzen. Bei deren Schilderung bekam man von den Betonköpfen nicht selten  einen Dämpfer: Wir sind doch keine Therapieeinrichtung!  Was es natürlich sehr schwer machte für die Menschen, offen und ehrlich über sich zu sprechen.
(By the way: Demut ist übrigens keine Tugend des trockenen, sondern des nüchternen Alkoholikers, ein geistig nücherner Alki ist mir nie begegnet. Vielleicht hätte ich ihn aber damals auch  nicht erkannt.)

Wie gesagt, am "Tisch des Herrn"   - die meisten waren Männer - fanden sich  neben Ehrlichkeit und Offenheit auch nur die Masken der Ehrlichkeit und Offenheit. Die AA-Wärme der sog. Freunde  befand ich nach einer  Zeit der buchstäblichen Ernüchterung als Firmenzugehörigkeitswärme. 
Alles war dabei, auch hier an diesem heilgen Orte begegnete mir die ganze Skala menschlicher Schwächen, die nach und nach zu Tage traten.  Ähnliche Ernüchterungen und Augenöffnungen  erlebte ich zuvor schon  an diversen Arbeitsplätzen in meinem Dienst bei  Berufsangehörigen moralisch hochstehender Instiutionen.... eine  innere Verfaultheit im Verbund mit höchster sozialer Anerkennung.  Die Heuchelei, bei der nach aussen universelle/humanistische  Werte vertreten werden und nach innen Fäulnis... An diesem Punkt der Erkenntnis war es wohl, dass ich langsam anfing  zu "meckern"...

Voraussetzung für die Heilung war der GLAUBE  an das Programm, an das Konzept des "Tisches". Glaube ist immer Voraussetzung. Ohne Glaube gibt es keine Erlösung vom Unglauben. Ohne Konzept gibt es keinen Glauben. Glaube basiert immer zuerst auf einem Konzept, einer Lehre, die ihrer Erlösung harrt durch "Fleischwerdung des Wortes". 
Glaube, Hoffnung, Liebe - diese drei Zustände gehören unverbrüchlich zusammen, wenn es um die Heilung der Seele geht und wird transzendiert, wenn das glaubende, hoffende, liebende  Ich selbst als Konzept erkannt wird.   "Ich glaube, weil es absurd ist."  sagte mal einer, kokett.  Ja, was er  nicht versteht dünkt dem Egomind absurd. Was er versteht, WEISS er. Doch was er WEISS, muss er wieder vergessen, um zum höheren Wissen, der WEISheit zu gelangen. Absurd.

Einlassen ist das Zauberwort und Einlassen auf das , was Hier und Jetzt ist, heisst primär: Einlassen auf (m)ich - OFFEN und EHRLICH ich selbst zu sein.  Das ist die Basis, auf der ich  mich  z u g l e i c h   auch auf den Anderen einlasse. (Keine Trennung!)  Ganz im  Gegensatz zum sog. Gutmensch, der unter Einlassen versteht, sich selbst zu vergessen und  sich "empathisch" nicht auf sich, sondern auf den anderen zu beziehen, was er unter selbstlosem Handeln versteht.  Derweil er so tut, ignoriert/verdrängt er aber seine heimlichen Absichten und Motive, von denen seine "Güte" unbewusst bewegt wird , ein "Wohlwollen", welches  sich  immer  ü b e r  den anderen stellt, ihn zum Opfer macht.  Der Gutmensch ist der Täter, der seine unbewusste Täterschaft auf einen Dritten projeziert, vor dem er das Opfer - SEIN Opfer - dann zu schützen vorgibt. Der Dritte ist somit das  gemeinsam erschaffene  Feindbild,  ein Popanz, gegen den man gemeinsam zu Felde zieht.  Das Thema ist gerade  ganz großes Kino auf der aktuellen Zeitgeistleinwand......

Nach vielen Jahren der AA-Zugehörigkeit gelang es mir nicht mehr,  mich mit dem  Prädikat "lebenslanger trockener Alkoholiker" zu identifizieren.
Um so  mehr ich auf diesem Weg lernte,  für mich, mein Denken und Fühlen Verantwortung zu übernehmen, um so weniger konnte  ich  - zwangsläufig -  auch das Krankheitskonzept des Alkoholismus akzeptieren,was mich ja ebenfalls zum abhängigen Opfer machte und mich dazu noch ein Leben lang an das AA-Konzept und den "Tisch" band. Und so begann der lange Exodus,  die langsame Loslösung und Befreiung aus diversen Abhängikeiten, indem ich die diversen Glaubenssätze untersuchte, die mich unterjochten und gefangen hielten, wobei auch die Heilige Kuhe namens AA leztlich geschlachtet werden musste::
Jeder Ismus wurde  mir suspekt, als erstes  - noch vor dem Alkoholismus - exorzierte ich den Rhematismus, als dessen Opfer ich mich sah...  Ich framte mich neu, gab mir selbst einen neuen Rahmen, das heisst, ich lernte neue Glaubenssätze, die mich und die Welt definierten. 
Meine schlagkräftigsten neuen Dogmen waren damals u.a.:
Ich definiere mich selbst! .
Ich bin kein Ismus, ich bin ein Verb!
Pneuma statt Rheuma!

Diese Umwertung sämtlcher AA- Werte mich zwar nicht schlagartig gesund, änderte aber die Richtung meiner Gedanken und meine konditionierte/introjezierte  Meinung über mich. Das stand nicht im AA-Programm, ich hatte keine Anleitung, machte keine Übungen, hatte nicht mal ein Wort wie "Glaubenssatz" für die Änderungen meiner negativen Denk und Fühl-Gewohnheiten, die mein Selbstbild mitbestimmten.  Mit posititivem Denken hatte ich auch nichts am Hut.

Das alles fiel mir auch nicht leicht, ich hatte im Gegenteil ständig große Ängste zu überwinden, da ich wusste, ich musste die AA verlassen, um wirklich frei zu werden, traute mich aber lange nicht, das laut und deutlich am "Tisch des Herrn" zu sagen. Ich ahnte ja noch nicht, dass ich mir die Gruppe mit  meinem Ansinnen,  sie  zu verlassen, zum  Gegenspieler machte.... dadurch dass ich an ihren Grundfesten rührte. Ich wäre ja so gerne mit dem  Segen aller gegangen,  statt mit dem  unausgespochenen Fluch und  Verdacht, den man als AA über jedem schweben  sah, der sich nicht mehr sehen liess. 

Um so mehr ich an den Glaubenssätzen der AA "herummeckerte"  und  (s)ich  die 12 Schritte  des Aa-Programms für mich auf den Kopf stellten, um so  mehr entfernte ich mich innerlich, um so weniger gehörte  ich dazu. Ich habe nicht direkt gegen das Programm aufbegehrt, sondern es nur umgekehrt, quasi dekonstruiert und neu zusammengesetzt... einen neuen Monika-Rahmen gegeben und damit mein Selbstbild positiv verändert. Das war's,  was mich "trocken legte":  ich wurde,  der ICH bin. Ich wurde Subjekt. Erwachsen.  Individuation. Um wahrhaft nüchtern zu werden, d.h. das absolute SUBJEKT zu SEIN, das ICH BIN, musste ich allerdings die Gemeinschaft verlassen.
Dass ich bei AA ausserhalb der Firmenzugehörigkeitswärme und der Betonbirnen auch  einige sehr liebe und gute Menschen traf, die mir ausserhalb der Gruppe in schweren Zeiten wirklich selbstlos geholfen haben,  will ich an dieser Stelle nicht verhehlen. Dank Euch, meine Lieben - auch Ihr seit mir auf Eure ganz eigene Art Geburtshelfer gewesen! -


Meine erste Einheitserfahrung war genaugenommen keine spirituelle, sondern eine religiöse Erfahrung,  da sie die unbewussten mythologischen Schichten berührten;  das Unbewusste öffnete sich quasi "nach unten" hin, wohingegen die Letztgültige Einheitserfahrung  die eigentliche spirituelle "Erfahrung"  war,  da sie -  den  Mythos transzendierend - jenseits von Religion/Mythos geschieht. 

Salopp ausgedrückt surfte ich heute ausgiebiger als sonst  in den tiefen  mythisch-religiösen  Gewässern der kosmischen DNA. Salopp kann und darf  mein Ausdruck deswegen sein, weil das Numinose am religiösen Mythos und die überwältigende Ehrfurcht vor IHM seit der Letztgültigen SPIRITUELLEN Erfahrung bzw.Erkenntnis in 2011 verflogen ist. Früher hat mich  das Heilige Pathos  zu Tränen gerührt. Das Wunderbare, das Staunen über das Wunderbare solcher Erfahrungen  ist einer geistigen Nüchternheit gewichen, die SCHAU ist zur Gewohnheit geworden. "Nix von heilig", wie es so schön heisst von dem zustandslosen, eigenschaftslosen, todlosen  Bewusstsein (Unsterblichkeit ist kein Zustand, lol)  Mein Herz und mein Geist hat sich seit meiner Taufe  nie mehr verschlossen. 

Wenn ich vom Surfen auf der DNA spreche, dann verstehe ich darunter übrigens keinen LSD-Trip und auch nicht das, was aussenorientierte "Esoteriker" darunter im Allgemeinen verstehen, nämlich Kontakte mit verschiedenen SternenVölkern der Menschheitsfamilie, sondern ich verstehe darunter  die verschiedenen Bewusstseinszustände, wie sie z.B. in Spiral Dynamic -Konzept schematisch dargestellt werden.  Die "Aktivierung der kosmischen DNS" geschah mir in jener Nacht, als ich nicht mit Wasser, sondern mit GEIST getauft wurde.
Was ich nun auch sehr klar erkannt habe: Im mythisch-personalen  Bereich macht man religiöse ERFAHRUNGEN,  im transpersonal=spirituellen Bereich gibt es nur noch spirituelle ERKENNTNIS. Der Mythos, die mythischen Schichten oder Bewusstseinsebene gehört zum kollektiven Unbewussten, was wiederum zur Person gehört,  mythisch: Zum "Sohn".

Es scheint mir einmal mehr, als ob ICH mir meine Geschichte immer wieder erzählen müsste, um das letzte Fitzelchen von  symbolischer Bedeutung herauszuholen um sie zugleich jeglicher Bedeutung zu entleeren. Absurd. Die Welt scheint mir so unendlich wie das Ich. Ich-DurchSCHAUEN. Der Mensch IST der Mittelpunkt seiner Welt.

Immer wieder blicke ich zurück in meine Vergangenheit zurück und sehe meine diversen Lebensstationen in einem anderen Licht. Die Strukturen des Ichs  basieren auf (s)einer Erzählung, stimmt. Dass das Ich aber "nur" eine Erzählung sei, ist Irrtum. Deshalb:


Gott zum Lobe, dem Teufel zum Hohn:
Vive la,  vive l'ILLUSION!